Sensationsgier auf YouTube

Sensationsgier auf YouTube

Im Groben bedeutet Journalismus die Öffentlichbarkeitmachung von aktuellen, relevanten, faktischen Themen. Während aktuell und faktisch relativ simpel zu belegen sind, hapert es oftmals an der Definition von relevant. Abgesehen davon, dass für mich andere Dinge relevant sind als für meine Großeltern, gibt es wohl auch verschiedene Stufen von relevant.

Zum einen gibt es wohl Neuigkeiten, die unabdingbar verbreitet werden müssen. Änderungen in Gesetzestexten, Warnungen, Ankündigungen etc. Dann gibt es Neuigkeiten, die zwar nicht unabdingbar sind, aber einen Mehrwert bieten. Wobei Mehrwert in einem sehr weiten Sinne gefasst werden kann, denn auch die Ergebnisse des letzten Bundesliga-Spiels bieten für einige Menschen einen Mehrwert. Und dann gibt es Dinge, die so überhaupt gar keine Mehrwert bieten, aber die Sensationsgier der Menschen befriedigen. Wer hat sich von wem getrennt, wer hat wo mal wieder zu viel getrunken und all diese unsinnigen Klatschgeschichten.

Während die erste Relevanzgruppe im Online-/YouTube-Bereich kaum vertreten ist, gibt es durchaus genügend Informationen, die Mehrwert bieten, oder Content, der zur Wissenserweiterung dienen kann. Da jedoch gerade im letzten Jahr der Personenkult auf YouTube eine immer größere Bedeutung gewonnen hat, gibt es einen drastischen Anstieg der Meldungen, die zweifelsohne in die dritte Gruppe gehören. Gerade das Internet macht die Verbreitung von Informationen immer einfacher. Während Meldungen in Printmedien immer Platz und somit Geld beanspruchen, ist ein neuer Artikel eines Onlinemediums quasi kostenlos. Umso eher wird auch der unsinnigste Schrott schnell niedergeschrieben, um vielleicht noch ein paar Klicks abzugreifen.

Journalismus dient dazu, zu informieren, Botschaften zu verbreiten und auch zum Nachdenken anzuregen. Dazu gibt es Menschen, die eine 40-oder-mehr-Stunden-Woche dafür „opfern“, Informationen zu beschaffen, zu filtern und aufzubereiten, sodass sie leicht verständlich einer breiten Masse zugänglich gemacht werden können. Die Tatsachen, dass man Journalistik studieren kann und es ein anerkannter Beruf ist, sollten dafür sprechen, dass ein gewisser Anspruch vorhanden ist. Auch Magazine oder Blogs, die von halb bis gar nicht professionellen „Journalisten“ betrieben werden, sind in ihrem Anspruch an die Informationsverbreitung irgendwo journalistisch.

Diese ganzen Meldungen von irgendwelchen Trennungen und Alkoholexzessen kann ich im Rahmen alle noch verstehen. Irgendwo bieten all diese Dinge gewisse Botschaften. Liebe hält nicht ewig, Berühmtheit macht instabil, Brust-OPs sind gefährlich. Das sind nun zwar keine brandheißen Neuigkeiten und mit einem Mindestmaß an gesundem Menschenverstand durchaus denkbar, aber der Regenwurm läuft zehn Mal gegen eine Wand, bevor er abwendet und manchmal ist der Schlag mit der Bratpfanne nötig, um uns einige Dinge ins Gedächtnis zu rufen.

Was ich jedoch nicht einmal im Ansatz nachvollziehen kann, sind Meldungen, die völlig ohne Sinn und Verstand ins Netz gestellt werden. Erst neulich zum Beispiel gelang irgendeinem glorreichen Exemplar der Gattung Blogger/Klatsch-Diagnostiker/Non-Sense-Entdecker die spektakuläre Offenlegung von Dagi Bees vollem bügerlichen Namen. Warum?! Niemand, absolut niemand hat durch diese Information etwas gewonnen. Alles, was geschafft wurde, ist ein Tritt der Privatsphäre in einem Bereich wirklich weit, weit unter der Gürtellinie. So etwas geht nicht.

Ja, all diese Alphabet-Promis sind Personen des öffentlichen Lebens und werden für die Aufgabe ihrer Privatsphäre bis zu einem gewissen Grad mehr oder weniger fürstlich entlohnt. Ja, oft haben sie sich selbst dafür entschieden diesen Weg zu gehen und ja, durch ihre Bekanntheit haben sie auch gewisse Vorteile. Natürlich wird es auch immer Leute geben, die all diese Informationen aufsaugen oder sogar verlangen, die eine tatsächliche Bereicherung ihres Wissens darin sehen. Aber… nein?!

Wo zum Geier ist der Anspruch des Journalisten, guten Content zu bringen? Sollte man nicht mit seiner eigenen Arbeit zufrieden sein? Es kann doch nicht sein, dass es da draußen Menschen gibt, die sich abends zufrieden ins Bett legen und vor dem Einschlafen denken: „Heute habe ich herausgefunden, dass LeFloid immer im Sitzen pinkelt und hab dafür 1000 Klicks auf meinem Blog. Was für ein erfolgreicher Tag!“ Es wird immer Menschen geben, die solchen Non-Sense tatsächlich lesen und bekanntlich bestimmt Angebot die Nachfrage. Aber es wird die Leute sicher auch interessieren, ob Unge lieber Soja- oder Hafermilch mag, mit welchem Bein inscope mogens zuerst aufsteht, welche Unterwäsche Diana trägt oder auch welche Stellung AlexiBexi im Bett besonders toll findet und ob Ooobacht gestern Abend wirklich zu viel Rosenkohl gegessen hat und darum die ganze Nacht die Bettdecke flatterte. Abgesehen davon, dass sich mir wohl nie erschließen wird, warum all das interessant ist, werde ich nie die Gedanken der Informationssuchenden und –verbreitenden verstehen, die solche Meldungen als veröffentlichswert empfinden.

Wie kann man die Achtung vor sich selbst so weit verlieren, dass man solche Informationen als lesenswert empfindet und sich darüber profilieren will, sie ins Netz zu stellen? Wie kann man sich damit rühmen, so sehr auf die Privatsphäre eines Individuums zu scheißen? Es gibt durchaus Berufe, in denen der akute Fall eines Hirnverlusts nicht weiter auffallen mag, Journalismus jedoch gehört nicht dazu. Und wer am Ende die Geldgier über die (Berufs-) Ehre stellt und sich nur noch an Klicks und Likes orientiert, der hat wahrscheinlich den Beruf und ganz sicher den richtigen Weg verfehlt. Denn trotz aller Öffentlichkeit, aller Alltagsvlogs und aller privat anmutenden Snaps und Instagram-Posts sind Menschen des öffentlichen Lebens immer noch genau das: Menschen. Und keine Objekte zur Befriedigung der Senstationsgier.

Bild von liz west

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